Der Energiemarkt Vietnams ist in eine entscheidende neue Phase eingetreten. Eine Reihe bedeutender Entwicklungen der letzten Wochen zeigt, dass das Land nicht mehr ausschließlich auf den Ausbau der Erzeugungskapazität setzt – sondern nun systematisch die Infrastruktur, den regulatorischen Rahmen und das Investitionsumfeld für eine der ambitioniertesten Energietransformationen Asiens aufbaut.
Im Zentrum dieser Entwicklungen steht die erfolgreiche Inbetriebnahme des ersten großskaligen, netzgekoppelten Batteriespeichersystems (BESS) Vietnams – ein wichtiger Meilenstein bei der Modernisierung des nationalen Elektrizitätssystems.
Ein historischer Meilenstein: Vietnams erste großskalige Netzbatterie
EVN Hanoi hat offiziell das erste Pilotprojekt für ein BESS im Versorgungsmaßstab über fünf 110‑kV‑Umspannwerke in Hanoi in Betrieb genommen.
Das Projekt umfasst:
- 50 MW / 100 MWh Gesamtspeicherkapazität,
- fünf einzelne Batteriesysteme à 10 MW / 20 MWh,
- Einsatz an den Umspannwerken Bac Thang Long, Quang Minh, Sai Dong 2, Phung Xa und Thanh Oai.
Die Batteriesysteme speichern Strom in Zeiten geringer Nachfrage und geben ihn während Spitzenlastzeiten ab – dies verbessert die Flexibilität, Zuverlässigkeit und Widerstandsfähigkeit des Netzes erheblich.
Dies ist weit mehr als eine technische Demonstration. Es ist der erste praktische Schritt Vietnams zur Integration sehr großer Mengen erneuerbarer Energie in das nationale Stromsystem.
Vietnam bereitet sich auf das Zeitalter der Speicherung vor
Der Erfolg der erneuerbaren Energien hat eine neue Herausforderung geschaffen: die bekannte „Duck Curve“.
- Überfluss an Strom zur Mittagszeit,
- rascher Rückgang der Solarproduktion nach Sonnenuntergang,
- während die Nachfrage am Abend ihren Höhepunkt erreicht.
Der nationale Stromverbrauch steigt weiterhin mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit. In den ersten sieben Monaten 2026:
- Stromverbrauch überstieg 203 Mrd. kWh,
- Nachfrage stieg um 9,3 % gegenüber dem Vorjahr,
- Spitzenlast erreichte einen Rekordwert von 58,4 GW.
Um die Wachstumsziele der Regierung zu unterstützen, muss die Stromerzeugung im restlichen Jahr um fast 12 % steigen. Batteriespeicherung wird daher unverzichtbar.
Der überarbeitete Stromentwicklungsplan verlangt nun, dass viele neue Solarprojekte im Versorgungsmaßstab BESS mit mindestens 10 % der installierten Kapazität und einer Speicherdauer von mindestens zwei Stunden installieren.
Solar tritt in seine zweite Generation ein
Die erste Phase war geprägt von schnellem Kapazitätsausbau durch attraktive Einspeisetarife. Die zweite Phase konzentriert sich auf:
- Netzintegration,
- Speicherung,
- flexible Nachfrage,
- digitales Netzmanagement,
- direkte Stromlieferverträge (DPPA),
- Dekarbonisierung von Industrie und Gewerbe.
Samsung Electronics hat kürzlich eine 28‑MWp‑Solaranlage auf den Dächern seines Produktionskomplexes in Ho‑Chi‑Minh‑City unter dem privaten DPPA‑Mechanismus Vietnams eingeweiht. Das Projekt erzeugt jährlich über 40 GWh und reduziert rund 26.000 Tonnen CO₂.
Dies zeigt, dass multinationale Hersteller zunehmend erneuerbare Energien finanzieren – nicht wegen Subventionen, sondern weil globale Lieferketten kohlenstoffarme Produktion verlangen.
Das Netz wird zur neuen Investitionsgeschichte
Während die Erzeugungskapazität schnell gewachsen ist, identifizieren Entscheidungsträger die Übertragungsinfrastruktur zunehmend als Engpass. Das Ministerium für Industrie und Handel legt daher großen Wert auf:
- beschleunigte Investitionen in die Übertragung,
- Modernisierung des Netzbetriebs,
- Integration von Batteriespeichern,
- schnellere Genehmigungsverfahren,
- großskalige Solarprojekte unter neuem Rechtsrahmen.
Dies schafft Chancen für Investoren in:
- Netzinfrastruktur,
- Übertragungsanlagen,
- Energiespeicherung,
- digitales Netzmanagement,
- intelligente Umspannwerke,
- Leistungselektronik.
Kernenergie bewegt sich von der Planung zur Umsetzung
EVN hat die Prioritäten für das 2,4‑GW‑Kernkraftwerk Ninh Thuan 1 vorgestellt:
- Aufbau eines modernen Regulierungsrahmens,
- Einrichtung einer Projektsteuerung,
- Entwicklung von Fachkräften,
- internationaler Technologietransfer,
- Öffentlichkeitsarbeit,
- Koordination von Flächenräumung und Umsiedlung.
Dies zeigt Vietnams Entschlossenheit, Kernenergie nach internationalen Sicherheitsstandards umzusetzen und gleichzeitig eigene Expertise aufzubauen.
Investoren strömen weiterhin in den Markt für erneuerbare Energien
M&A‑Transaktionen im Bereich erneuerbare Energien stiegen von ca. 20 Mio. USD im Jahr 2024 auf rund 747 Mio. USD im Jahr 2025. Internationale Investoren aus Singapur, Thailand, Japan, den Philippinen und zunehmend China erwerben weiterhin Anlagen – ein Zeichen für starkes Vertrauen in den vietnamesischen Strommarkt.
Regulatorische Reformen schreiten schnell voran
Neue Entwicklungen umfassen:
- neue Regeln zur Investorenwahl,
- Überarbeitung der Stromsicherheitsvorschriften,
- Verfeinerung der BOT‑Preisgestaltung,
- Umsetzung von DPPA,
- verbesserte BESS‑Regulierung,
- Optimierung der Investitionsverfahren.
Kernenergieprojekte folgen einem speziellen Auswahlmechanismus – Ausdruck ihrer strategischen Bedeutung.
Ausblick
Vietnam baut nun ein integriertes Stromökosystem, in dem erneuerbare Energien, Batteriespeicher, moderne Übertragungsnetze, Kernkraft und Marktmechanismen zusammenwirken.
Die Inbetriebnahme des ersten großskaligen BESS ist daher weit mehr als ein Pilotprojekt. Es ist ein klares Signal, dass Vietnam begonnen hat, ein flexibles, widerstandsfähiges und kohlenstoffarmes Stromsystem aufzubauen – Grundlage für jahrzehntelanges Wirtschaftswachstum und attraktive Chancen für langfristige Investitionen.
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an den Autor Dr. Oliver Massmann unter [email protected]. Dr. Oliver Massmann ist Generaldirektor von Duane Morris Vietnam LLC.
