Frage 1: Aus der Perspektive des Jahres 2025 – welche Faktoren werden Ihrer Ansicht nach den stärksten Einfluss auf die globale Wirtschafts- und Finanzlandschaft im Jahr 2026 ausüben?
Basierend auf den aktuellen Trends, die ich 2025 sehe, werden drei Hauptfaktoren das Jahr 2026 prägen:
- Die Institutionalisierung der „geoökonomischen Fragmentierung“: Wir haben die Phase bloßer Handelsstreitigkeiten hinter uns gelassen und befinden uns nun in einer gefestigten Ära wirtschaftlicher Blöcke. Die Einführung des US-amerikanischen reziproken Zollmechanismus im April 2025 hat die WTO-basierte Ordnung grundlegend verändert. Im Jahr 2026 ist der Haupttreiber nicht mehr nur „Markteffizienz“, sondern „Sicherheitsausrichtung“. Für Vietnam bedeutet dies, dass Herkunftsnachweise und Transparenz in der Lieferkette ebenso entscheidend sind wie Arbeitskosten.
- Die „Anwendungsphase“ von KI und Energieengpässen: Während 2024–2025 der Aufbau von KI-Infrastruktur (Chips und Datenzentren) im Vordergrund stand, ist 2026 das Jahr der Integration. Die wirtschaftlichen Gewinner werden durch Produktivitätssteigerungen in Nicht-Tech-Sektoren (Recht, Fertigung, Logistik) definiert. Dies kollidiert jedoch mit physischen Grenzen – insbesondere der Energieverfügbarkeit. Das Rennen um saubere Energie zur Versorgung dieser Datenzentren schreibt nationale Energie-Masterpläne neu (einschließlich der Umsetzung von Vietnams PDP8).
- Digitale und grüne Compliance: Die Weltwirtschaft dreht sich nicht mehr nur um billige Arbeitskräfte. Es geht um „saubere“ Daten und „saubere“ Energie. Länder, die strenge Datenschutzgesetze durchsetzen und erneuerbare Energiequellen anbieten, werden die Lieferketten dominieren.
Frage 2: Wie wird Ihrer Ansicht nach die Erhöhung reziproker Zölle durch große Volkswirtschaften, insbesondere die Vereinigten Staaten, den Welthandel und den Warenfluss im Jahr 2026 beeinflussen?
Die Ära des einfachen Freihandels verändert sich. Die Erhöhung der US-Zölle bedeutet, dass die „Herkunft“ von Waren wichtiger ist als je zuvor.
Im Jahr 2026 wird der Welthandel nicht nur in die billigsten Standorte fließen, sondern in die „sichersten“.
- Das Ende der Umladung: Die USA sind sehr besorgt darüber, dass Länder als „dritte Transitpunkte“ genutzt werden, um Zölle zu umgehen. Wenn ein Land nicht genau nachweisen kann, woher seine Waren stammen (Rückverfolgbarkeit), wird es bestraft.
- Die Notwendigkeit „echter“ Produktion: Investoren werden sich von einfacher Montage abwenden. Um hohe Zölle zu vermeiden, müssen Unternehmen tiefere Verarbeitung und echte Produktion in Länder wie Vietnam verlagern. Ein bloßes „Made in Vietnam“-Etikett auf einem Produkt aus einem anderen Land reicht nicht mehr aus.
- Diversifizierung ist entscheidend: Da der Zugang zum US-Markt schwieriger wird, werden kluge Volkswirtschaften andere Abkommen nutzen. Für Vietnam bedeutet dies, das EVFTA (Europa) und RCEP (Asien) einzusetzen, um Risiken auszugleichen.
Frage 3: Wenn die globalen Zinssätze zu sinken beginnen, in welche Märkte werden internationale Kapitalflüsse Ihrer Meinung nach 2026 am ehesten zurückkehren – und warum?
Wenn die Zinssätze sinken, sucht Kapital nach höherem Wachstum. Im Jahr 2026 wird Kapital nicht in alle Märkte zurückkehren; es wird in Märkte fließen, die ihre „Leitungen“ repariert haben – sprich ihre rechtlichen und finanziellen Strukturen.
Das Kapital wird insbesondere in folgende Bereiche fließen:
- Märkte mit neuen „Nicht-Vorfinanzierungs“-Modellen: Institutionelle Investoren („Smart Money“) hassen es, 100 % ihres Kapitals vor einem Handel blockieren zu müssen. Märkte wie Vietnam, die diese „Vorfinanzierungs“-Anforderung abgeschafft haben, werden den größten Kapitalzufluss sehen.
- Der Bankensektor: Mit wachsender Wirtschaft benötigen Banken mehr Geld zum Verleihen. Wir werden sehen, wie ausländisches Kapital in Bankbeteiligungen fließt, insbesondere dort, wo die Grenzen für ausländisches Eigentum angehoben werden.
- Infrastruktur und Energie: Kapital wird Projekten mit staatlichen Garantien nachjagen. Mit sinkenden Zinssätzen haben Investoren endlich das günstige Kapital, das für massive Projekte wie LNG-Kraftwerke und Logistikzentren benötigt wird – vorausgesetzt, der rechtliche Rahmen (z. B. PPP-Gesetze) ist sicher.
Frage 4: Wenn Sie drei Schlüsselwörter wählen müssten, um die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte im Jahr 2026 zu definieren – welche wären das, und warum?
- Rückverfolgbarkeit: In einer Welt voller Handelskriege wird „Vertrauen“ durch „Beweis“ ersetzt. Jede Stufe der Lieferkette muss nachvollziehbar sein. Wenn Sie nicht nachweisen können, wo Ihr Produkt hergestellt wurde, können Sie es nicht im Westen verkaufen.
- Bereitschaft: Die Chancen im Jahr 2026 (wie das Upgrade der Schwellenmärkte) sind enorm, aber sie werden schnell eintreten. Die „Liquiditätswelle“ wird nur diejenigen begünstigen, die vorbereitet sind, bevor sie kommt. Investoren und Unternehmen, die bis Ende 2026 warten, um sich neu aufzustellen, werden zu spät sein.
- Fragmentierung: Der globale Binnenmarkt existiert aufgrund der reziproken Zölle großer Volkswirtschaften, insbesondere der USA, nicht mehr. Wir operieren nun in einer fragmentierten Welt mit unterschiedlichen Regulierungsblöcken (US-orientiert vs. Globaler Süden/BRICS+). Rechtsberatung und Geschäftsstrategien können nicht mehr „global“ sein; sie müssen auf den spezifischen Block zugeschnitten werden, in dem man tätig ist.
Bitte zögern Sie nicht, Dr. Oliver Massmann unter [email protected] zu kontaktieren, wenn Sie Fragen haben oder weitere Details zu den oben genannten Punkten wünschen. Dr. Oliver Massmann ist Generaldirektor von Duane Morris Vietnam LLC.
