Einleitung Vietnam hat wiederholt gezeigt, dass es bereit ist, über internationale Mindeststandards hinauszugehen, wenn es sein Rechtssystem modernisiert. Von Doi Moi über den Beitritt zur Welthandelsorganisation bis hin zur Umsetzung des EU‑Vietnam Freihandelsabkommens (EVFTA) und der erwarteten Aufnahme in den FTSE Russell Emerging Market Index hat Vietnam konsequent Reformen eingeführt, die Transparenz verbessern, das Vertrauen von Investoren stärken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Heute eröffnet sich eine weitere Gelegenheit. Vietnam hat das WTO‑Handelserleichterungsabkommen („TFA“) vollständig umgesetzt, indem es einen Rechtsrahmen für verbindliche Zollauskünfte geschaffen hat. Dies stellt eine bedeutende Errungenschaft dar. Nun hat Vietnam die Möglichkeit, über die WTO‑Compliance hinauszugehen und sich als eine der weltweit führenden Jurisdiktionen für vorhersehbare und investorenfreundliche Zollverwaltung zu etablieren.
Was ist eine verbindliche Zollauskunft? Eine verbindliche Zollauskunft ist eines der wichtigsten Instrumente der Handelserleichterung für internationale Unternehmen. Bevor Waren eingeführt werden, kann ein Importeur einen Antrag bei der Zollbehörde einreichen, in dem die geplante Transaktion detailliert beschrieben wird. Beispiel: Ein deutscher Stahlhersteller beabsichtigt, 1.000 Tonnen spezialisierte Stahlprodukte nach Vietnam zu exportieren. Vor der Verschiffung übermittelt der Importeur alle relevanten Informationen an den vietnamesischen Zoll, darunter:
- detaillierte Produktspezifikationen;
- Vorschlag zur Zolltarifnummer;
- Ursprungszeugnisse;
- Bewertungsmethodik für den Zollwert;
- technische Dokumentation;
- Handelsverträge;
- vorgesehene Zollverfahren.
Der vietnamesische Zoll prüft den Antrag und erlässt eine offizielle verbindliche Auskunft. Sobald diese erteilt ist, wissen sowohl Zoll als auch Importeur im Voraus, wie die Sendung behandelt wird. Dies schafft Rechtssicherheit, bevor die Waren Deutschland überhaupt verlassen.
Warum verbindliche Auskünfte wichtig sind Internationale Lieferketten sind auf Vorhersehbarkeit angewiesen. Große Investitionen erfordern oft Entscheidungen Monate vor Produktionsbeginn. Importeure benötigen Sicherheit in Bezug auf:
- Zolltarifklassifizierung;
- anwendbare Zollabgaben;
- Präferenzzollsätze;
- Ursprungsregeln;
- Zollwert;
- Einhaltung der Einfuhrbestimmungen.
Ohne Rechtssicherheit sind Investoren unnötigen kommerziellen Risiken ausgesetzt.
Der aktuelle Rechtsrahmen in Vietnam Vietnam verdient erhebliche Anerkennung für die Umsetzung des WTO‑Handelserleichterungsabkommens. Das Zollgesetz und seine Durchführungsbestimmungen schaffen ein System verbindlicher Auskünfte für Themen wie:
- Zolltarifklassifizierung;
- Warenursprung;
- Zollwert.
Dieser Rahmen verbessert die Transparenz erheblich. Nach geltendem vietnamesischem Recht muss der Zoll jedoch eine schriftliche Entscheidung erlassen, bevor die verbindliche Auskunft wirksam wird. Bleibt der Zoll untätig, hat dies keine rechtlichen Folgen. Der Importeur muss einfach weiter warten.
Die WTO verlangt nicht mehr – erlaubt aber mehr Artikel 3 des WTO‑Handelserleichterungsabkommens verpflichtet die Mitglieder zur Einrichtung von Systemen für verbindliche Auskünfte. Es verlangt, dass Entscheidungen innerhalb einer angemessenen veröffentlichten Frist erteilt werden. Wichtig ist jedoch: Die WTO verlangt nicht die Einführung einer Genehmigungsfiktion. Die WTO legt Mindestverpflichtungen fest. Es steht den Mitgliedern frei, investorenfreundlichere Verfahren einzuführen.
Lernen aus dem deutschen Verwaltungsrecht Das deutsche Verwaltungsrecht kennt ein interessantes Konzept, die sogenannte Genehmigungsfiktion („deemed approval“). Nach diesem Prinzip gilt ein Verwaltungsantrag automatisch als genehmigt, wenn die zuständige Behörde innerhalb einer gesetzlich vorgeschriebenen Frist keine Entscheidung trifft – vorausgesetzt, das Gesetz sieht dies ausdrücklich vor. Die Rechtswirkung tritt kraft Gesetzes ein. Der Antragsteller erhält keine Gunstentscheidung, sondern Rechtssicherheit, weil die Verwaltung innerhalb der Frist untätig geblieben ist. Obwohl dieses Konzept im deutschen Zollrecht nicht allgemein Anwendung findet, verdeutlicht es ein wichtiges gesetzgeberisches Prinzip: Verwaltungseffizienz kann gefördert werden, indem Untätigkeit rechtliche Konsequenzen nach sich zieht. Mehrere Jurisdiktionen weltweit haben vergleichbare Mechanismen in ausgewählten Regulierungsbereichen eingeführt. Vietnam könnte sein eigenes Modell auf Grundlage dieser international anerkannten Technik entwickeln.
Eine neue Reformchance für Vietnam Vietnam könnte eine ausgewogene Regelung einführen, die besagt: Wenn ein Antragsteller einen vollständigen, genauen und wahrheitsgemäßen Antrag auf eine verbindliche Zollauskunft eingereicht hat und der vietnamesische Zoll innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist keine Entscheidung erlässt, gilt die beantragte Auskunft als genehmigt – es sei denn, der Antrag betrifft Betrug, verbotene Waren, nationale Sicherheit, handelspolitische Schutzmaßnahmen oder andere ausdrücklich ausgeschlossene Fälle. Dieser Vorschlag würde den Zoll nicht schwächen. Vielmehr würde er die Verwaltung disziplinieren und gleichzeitig transparente und regelkonforme Unternehmen belohnen.
Vorteile für Vietnam
- Größere Rechtssicherheit – Investoren können mit Vertrauen wirtschaftliche Entscheidungen treffen.
- Schnellere Investitionsentscheidungen – Projekte schreiten ohne unnötige Verwaltungsverzögerungen voran.
- Stärkere internationale Wettbewerbsfähigkeit – Vietnam würde sich als eine der vorhersehbarsten Zolljurisdiktionen Asiens positionieren.
- Mehr ausländische Direktinvestitionen – Internationale Investoren bewerten Rechtssicherheit durchweg als einen der wichtigsten Faktoren.
- Bessere Verwaltungsleistung – Gesetzliche Fristen verbessern Effizienz, Verantwortlichkeit und internes Management.
Empfohlene gesetzliche Schutzmaßnahmen Ein Genehmigungsfiktion‑Mechanismus sollte geeignete Sicherungen enthalten, beispielsweise:
- vollständige Offenlegung durch den Antragsteller;
- Aussetzung der Frist, wenn zusätzliche Informationen angefordert werden;
- Ausschluss bei Betrug, vorsätzlicher Falschdarstellung und falschen Angaben;
- Ausschluss für verbotene Waren und Angelegenheiten der nationalen Sicherheit;
- Erhalt der nachträglichen Prüfungsbefugnisse des Zolls;
- gerichtliche Überprüfung, wo angemessen.
Solche Sicherungen schützen sowohl den legitimen Handel als auch das öffentliche Interesse.
Vorgeschlagener Aktionsplan
Schritt 1 – Einrichtung einer interministeriellen Arbeitsgruppe Einschließlich:
- Ministerium für Finanzen;
- Vietnamesische Zollbehörde;
- Ministerium für Industrie und Handel;
- Justizministerium;
- Vietnamesische Handels- und Industriekammer.
Schritt 2 – Durchführung einer internationalen Vergleichsstudie Überprüfung gesetzlicher Modelle aus:
- Deutschland;
- Singapur;
- Australien;
- Neuseeland;
- Kanada;
- Südkorea;
- der Europäischen Union.
Das Ziel sollte nicht darin bestehen, ausländisches Recht zu kopieren, sondern geeignete Best Practices für Vietnam zu identifizieren.
Schritt 3 – Änderung des Zollgesetzes Einführung von:
- gesetzlich festgelegten Entscheidungsfristen;
- Regelungen zur Genehmigungsfiktion;
- verfahrensrechtlichen Sicherungen;
- elektronischen Benachrichtigungssystemen.
Schritt 4 – Digitalisierung Integration verbindlicher Zollauskünfte in das Nationale Einheitsfenster Vietnams und die digitale Zollplattform. Anträge, Nachverfolgung, Fristenüberwachung und Entscheidungen sollten vollständig elektronisch erfolgen.
Schritt 5 – Pilotprogramm Einführung des neuen Mechanismus zunächst für risikofreie Kategorien wie Zolltarifklassifizierung und Ursprungsbestimmungen, bevor er auf weitere Zollangelegenheiten ausgeweitet wird.
Schlussfolgerung Vietnam ist nie zu einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften Asiens geworden, indem es lediglich internationale Mindeststandards eingehalten hat. Die größten Erfolge des Landes resultierten aus Reformen, die zukünftige wirtschaftliche Bedürfnisse antizipierten.
Die Einführung einer sorgfältig ausgestalteten Genehmigungsfiktion für verbindliche Zollauskünfte wäre eine weitere solche Reform. Sie würde nicht nur die Rechtssicherheit stärken, sondern auch Vietnams Ruf als transparente, effiziente und investorenfreundliche Volkswirtschaft verbessern.
Das WTO‑Handelserleichterungsabkommen bietet die Grundlage. Vietnam hat nun die Möglichkeit, die nächste Stufe aufzubauen. Anstatt nur zu fragen, was die WTO verlangt, kann Vietnam erneut eine ambitioniertere Frage stellen: Welche Reform wird Vietnam in den nächsten zwanzig Jahren zum bevorzugten Ziel für globale Investitionen machen?
Ein modernes, vorhersehbares und effizientes System verbindlicher Zollauskünfte – unterstützt durch eine sorgfältig ausgestaltete Genehmigungsfiktion – könnte eine der Antworten sein.
Für weitere Informationen zu den oben genannten Inhalten wenden Sie sich bitte an den Autor Dr. Oliver Massmann unter [email protected]. Dr. Oliver Massmann ist Generaldirektor von Duane Morris Vietnam LLC.
