Vietnam hat drei Jahrzehnte damit verbracht, sich als eines der erfolgreichsten Ziele für ausländische Direktinvestitionen (FDI) in Asien zu etablieren. Das nächste Kapitel könnte zunehmend von etwas anderem geprägt sein: ausländischen Portfolioinvestitionen und internationalen Kapitalmärkten.
Dieses Kapitel hat nun begonnen.
FTSE Russell hat Vietnam mit Wirkung zum 21. September 2026 von einem Frontier Market zu einem Secondary Emerging Market hochgestuft. Vietnamesische Aktien sind dadurch für die Aufnahme in die FTSE Global Equity Index Series qualifiziert, einschließlich bedeutender internationaler Referenzindizes wie dem FTSE Emerging Markets Index, dem FTSE All-World Index und dem FTSE Global All Cap Index. Die Umsetzung erfolgt schrittweise bis September 2027.
Dies ist weit mehr als eine bloße Änderung der Klassifizierung.
Für vietnamesische Unternehmen, die einen Börsengang (IPO) erwägen, eröffnet sich damit die Möglichkeit, ihre Equity Story einem völlig neuen Investorenpublikum zu präsentieren.
Von einer FDI-Erfolgsgeschichte zu einer Kapitalmarktgeschichte
Vietnam ist bereits tief in die globale Wirtschaft integriert.
Seit Jahren werden multinationale Unternehmen von Vietnams Fertigungskapazitäten, dem wachsenden Verbrauchermarkt, seiner strategischen Position in asiatischen Lieferketten sowie seinem umfangreichen Netz von Freihandelsabkommen angezogen.
Die vietnamesischen Kapitalmärkte haben jedoch historisch gesehen nicht das gleiche Maß an internationaler Integration erreicht.
Diese Lücke beginnt sich nun zu schließen.
Die Weltbank schätzt, dass Vietnams FTSE-Hochstufung in den ersten Jahren zusätzliche Portfoliozuflüsse von etwa 3 bis 5 Milliarden US-Dollar generieren könnte. Bei fortgesetzten Reformen wären bis 2030 sogar deutlich höhere Kapitalzuflüsse denkbar.
Die Bedeutung dieses Schrittes für Vietnam geht daher weit über zusätzliche Liquidität hinaus.
Er bietet die Chance, einige der vielversprechendsten vietnamesischen Unternehmen mit einem erheblich größeren internationalen Pool institutionellen Kapitals zu verbinden.
Genau deshalb werden IPOs nun besonders interessant.
Eine neue Gleichung für vietnamesische Börsengänge
Historisch gesehen stellte sich für ein attraktives vietnamesisches Unternehmen mit IPO-Plänen vor allem die Frage:
Können wir erfolgreich Zugang zum inländischen Kapitalmarkt Vietnams erhalten?
Zunehmend sollten Management und Anteilseigner jedoch eine umfassendere Frage stellen:
Wie strukturieren wir unser Unternehmen und unseren Börsengang so, dass wir für internationale institutionelle Investoren investierbar werden?
Dies ist eine grundlegend andere Perspektive.
Die Einstufung als Emerging Market rückt Vietnam auf den Radar einer wesentlich größeren Gruppe globaler Vermögensverwalter, Emerging-Market-Fonds und indexorientierter Investoren.
Die Entscheidung von FTSE Russell folgt zudem auf wichtige Verbesserungen der Marktzugänglichkeit, darunter die Einführung eines Non-Prefundings für ausländische institutionelle Investoren, die Etablierung eines formellen Verfahrens für fehlgeschlagene Wertpapiergeschäfte (Failed Trades) sowie die Vereinfachung der Eröffnung von Investorenkonten.
Für potenzielle Emittenten besteht die Chance daher nicht lediglich darin, einen IPO erfolgreich abzuschließen.
Das größere Ziel sollte darin bestehen, ein international investierbares vietnamesisches börsennotiertes Unternehmen zu schaffen.
IPO → Liquidität → Internationale Investoren → Indexfähigkeit
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen.
Die FTSE-Hochstufung bedeutet nicht, dass jedes Unternehmen, das in Vietnam an die Börse geht, automatisch internationale institutionelle Investoren anzieht oder in einen FTSE-Index aufgenommen wird.
Jedes Unternehmen muss die jeweiligen Anforderungen hinsichtlich Marktkapitalisierung, Liquidität, Streubesitz (Free Float) und Investierbarkeit erfüllen.
Gerade deshalb gewinnt die strategische Vorbereitung eines IPOs erheblich an Bedeutung.
Für einen ausreichend großen und attraktiven Emittenten könnte der Weg künftig wie folgt aussehen:
Unternehmensrestrukturierung → IPO-Readiness → institutionstaugliche Corporate Governance → IPO → ausreichender Free Float → Liquidität → Beteiligung internationaler Investoren → potenzielle Indexaufnahme
Dadurch wird der Börsengang von einem reinen Finanzierungsereignis zu einem zentralen Bestandteil der langfristigen internationalen Kapitalmarktstrategie eines Unternehmens.
Internationale Investoren werden höhere Anforderungen stellen
Die Chancen haben allerdings auch eine andere Seite.
Der Emerging-Market-Status wird die Anforderungen an vietnamesische Emittenten nicht senken.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass diese steigen werden.
Internationale institutionelle Investoren werden Corporate Governance, Finanzberichterstattung, Transparenz, Geschäfte mit nahestehenden Personen, Aktionärsschutz, Beschränkungen ausländischer Beteiligungen, Managementqualität, ESG-Themen sowie die nach dem Börsengang verfügbare Liquidität sorgfältig prüfen.
Vietnamesische Unternehmen, die internationales Kapital anziehen möchten, sollten daher lange vor der Einreichung eines IPO-Antrags mit den Vorbereitungen beginnen.
Die stärksten Kandidaten werden zunehmend jene Unternehmen sein, die eine überzeugende vietnamesische Wachstumsgeschichte mit Governance- und Offenlegungsstandards verbinden können, die internationale Institutionen verstehen und denen sie vertrauen.
Eine solche Vorbereitung kann einen Zeitraum von 12 bis 24 Monaten erfordern und nicht erst wenige Monate unmittelbar vor dem Börsengang beginnen.
Eine besonders interessante Chance für FDI-Unternehmen
Eine potenziell transformative Entwicklung betrifft ausländisch investierte Unternehmen in Vietnam.
Trotz der enormen Bedeutung des FDI-Sektors für die vietnamesische Wirtschaft sind ausländisch investierte Unternehmen an Vietnams Börsen weiterhin deutlich unterrepräsentiert.
Die vietnamesischen Behörden prüfen inzwischen, wie mehr hochwertige FDI-Unternehmen am heimischen Kapitalmarkt teilnehmen können.
Jüngste Zahlen der vietnamesischen Wertpapieraufsichtsbehörde (State Securities Commission) zeigen, dass historisch nur eine sehr geringe Anzahl von FDI-Unternehmen an einer Börse notiert oder zum Handel registriert wurde, obwohl dieser Sektor einen enormen Beitrag zur Wirtschaft leistet.
Dies stellt eine bedeutende Chance dar.
Welche Sektoren könnten internationales Interesse auf sich ziehen?
Die nächste Generation vietnamesischer IPO-Kandidaten dürfte zunehmend den strukturellen Wandel der vietnamesischen Wirtschaft widerspiegeln.
Besonders interessante Bereiche könnten sein:
- Technologie und digitale Infrastruktur
- Halbleiter- und Elektroniklieferketten
- Rechenzentren
- Erneuerbare und konventionelle Energieinfrastruktur
- Logistik und Hafenwirtschaft
- Gesundheitswesen
- Hochentwickelte Fertigungsindustrie
- Konsumgüterunternehmen
- Finanzdienstleistungen
- Industrieimmobilien
- Unternehmen, die die rasch wachsende vietnamesische Mittelschicht bedienen
Die eigene Analyse von FTSE Russell hebt Vietnams industriegetriebene wirtschaftliche Transformation, die zunehmende Rolle des Landes in globalen Technologieschöpfungsketten, anhaltende Zuflüsse ausländischer Direktinvestitionen (FDI), Urbanisierung sowie steigende Haushaltseinkommen als wesentliche strukturelle Merkmale des Marktes hervor.
Dies bedeutet, dass internationalen Investoren nicht lediglich eine weitere Börse angeboten wird.
Vielmehr erhalten sie einen besseren Zugang zu einer der bedeutendsten wirtschaftlichen Transformationsgeschichten Asiens.
Das Fenster öffnet sich jetzt
Der Zeitpunkt ist besonders interessant.
Die Aufnahme Vietnams in die FTSE Global Equity Index Series erfolgt schrittweise in vier Etappen zwischen September 2026 und September 2027. Zunächst werden 10 % des relevanten Investierbarkeitsgewichts berücksichtigt, gefolgt von weiteren Tranchen von 20 %, 35 % und 35 %.
Dadurch entsteht eine Übergangsphase, in der globale Investoren, Broker, Investmentbanken und die Unternehmen selbst Vietnam zunehmend aus der Perspektive eines Emerging Markets betrachten werden.
Für Unternehmen, die einen Börsengang im Jahr 2027, 2028 oder später planen, sollten die Vorbereitungen daher bereits jetzt beginnen.
Unternehmen müssen ihre Konzernstruktur, Genehmigungen und Lizenzen, die Situation hinsichtlich ausländischer Beteiligungen, Corporate Governance, Jahresabschlüsse, Offenlegungssysteme, wesentliche Verträge, Landnutzungsrechte, steuerliche Risiken sowie die regulatorische Compliance lange vor dem Beginn des formellen IPO-Prozesses überprüfen.
Das Ziel sollte klar sein:
Wenn internationales Kapital kommt, sollte das Unternehmen bereit sein.
Vietnams größere Kapitalmarktambitionen
Die FTSE-Hochstufung sollte zudem eher als Meilenstein denn als Endpunkt betrachtet werden.
Vietnam verfolgt ehrgeizige Ziele für den Ausbau seines Aktienmarktes. Fortgesetzte Kapitalmarktreformen könnten langfristig auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Vietnam künftig von MSCI als Emerging Market anerkannt wird.
Das ist bedeutsam, weil Vietnams wirtschaftliche Entwicklung enorme Mengen privaten Kapitals erfordern wird.
Historisch wurde ein großer Teil dieser Finanzierung über Banken oder ausländische Direktinvestitionen bereitgestellt.
Ein tieferer und liquiderer Aktienmarkt eröffnet einen dritten Finanzierungskanal: Er ermöglicht es wachsenden vietnamesischen Unternehmen, langfristiges Kapital direkt von inländischen und internationalen Investoren einzuwerben.
Dies könnte insbesondere für Infrastruktur-, Technologie- und Energieprojekte sowie für die nächste Generation vietnamesischer „National Champions“ von großer Bedeutung sein.
Vietnams IPO-Moment
Für internationale Investoren liefert die Hochstufung Vietnams zum Emerging Market einen weiteren Grund, ein Land genauer zu betrachten, das bereits heute ein unverzichtbarer Bestandteil der asiatischen Fertigungsindustrie und globaler Lieferketten ist.
Für vietnamesische Unternehmen könnte die Botschaft jedoch noch wichtiger sein.
Das potenzielle Investorenuniversum wird größer.
Die Unternehmen, die am meisten profitieren werden, sind nicht zwangsläufig diejenigen, die als Erste an den Markt gehen.
Es werden jene sein, die sich am besten vorbereiten.
Unternehmen, die Vietnams außergewöhnliche Wachstumsgeschichte mit internationalen Standards in den Bereichen Corporate Governance, Transparenz, Liquidität und Anlegerschutz verbinden können, werden am besten positioniert sein, um die neuen Kapitalströme anzuziehen, die sich zunehmend auf Vietnam richten.
Vietnam hat die vergangenen drei Jahrzehnte damit verbracht, die Welt davon zu überzeugen, Fabriken, Unternehmen und Lieferketten im Land aufzubauen.
Die nächste Herausforderung besteht darin, die Welt davon zu überzeugen, direkt in vietnamesische Unternehmen zu investieren.
Die Hochstufung zum FTSE Emerging Market könnte sich als einer jener entscheidenden Momente erweisen, in denen dieses neue Kapitel tatsächlich begonnen hat.
Kontakt
Für weitere Informationen zu den vorstehenden Themen wenden Sie sich bitte jederzeit an den Autor, Dr. Oliver Massmann, unter [email protected].
Dr. Oliver Massmann ist Generaldirektor der Duane Morris Vietnam LLC.
