Vietnam ist in eine neue Phase seiner Auslandsinvestitionsstrategie eingetreten. Mit der Veröffentlichung der Politbüro-Resolution Nr. 10-NQ/TW vom 8. Juni 2026 („Resolution 10“) hat die Regierung deutlich gemacht, dass das zukünftige Wirtschaftswachstum Vietnams nicht mehr primär durch kostengünstige Fertigung, billiges Land oder umfassende Steueranreize getragen wird. Stattdessen verfolgt das Land das Ziel, Auslandsinvestitionen anzuziehen, die Spitzentechnologien, Innovation, Forschung und Entwicklung (F&E), hochwertige Beschäftigung und eine stärkere Integration vietnamesischer Unternehmen in globale Wertschöpfungsketten mit sich bringen.
Obwohl Resolution 10 ein Parteidokument und keine Gesetzgebung ist, liefert sie einen wichtigen Hinweis auf die zukünftige regulatorische Ausrichtung Vietnams. Historisch gesehen haben große Parteiresolutionen stets die Grundlage für nachfolgende Gesetze und Verwaltungsreformen gebildet. Ausländische Investoren sollten Resolution 10 daher als frühen Fahrplan für die nächste Generation des Investitionsrahmens Vietnams betrachten.
- Vietnam verändert seine Investitionsphilosophie
Über mehr als drei Jahrzehnte hat sich Vietnam als eines der führenden Ziele für ausländische Direktinvestitionen in Asien etabliert – durch wettbewerbsfähige Arbeitskosten, politische Stabilität, attraktive Steueranreize und Marktzugang über ein breites Netz von Freihandelsabkommen. Resolution 10 signalisiert eine bedeutende Weiterentwicklung dieser Strategie: Vietnam will künftig nicht mehr primär über Kosten, sondern über Qualität konkurrieren. Investitionen sollen Produktivität steigern, technologische Fähigkeiten stärken und die langfristige wirtschaftliche Transformation des Landes unterstützen.
Zukünftige Projekte sollen substanzielle Beiträge leisten in Bereichen wie:
- Forschung und Entwicklung,
- Spitzentechnologien und Innovation,
- Technologietransfer,
- Entwicklung hochqualifizierter Arbeitskräfte,
- Integration vietnamesischer Unternehmen in globale Lieferketten,
- nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.
Vietnam bewegt sich damit von „mehr“ Auslandsinvestitionen hin zu „besseren“ Auslandsinvestitionen.
- Zukunftssektoren für Investitionen
Resolution 10 nennt mehrere strategische Branchen, die künftig besondere politische Unterstützung erhalten sollen:
- Halbleiterfertigung,
- Künstliche Intelligenz (KI),
- Big Data und Cloud Computing,
- Blockchain-Technologien,
- Internet der Dinge (IoT),
- Biotechnologie und Biomedizin,
- erneuerbare Energien und grüne Technologien,
- fortschrittliche und hochwertige Fertigung,
- digitale Infrastruktur und Datenzentren,
- Logistik und intelligente Infrastruktur,
- Entwicklung internationaler Finanzzentren, insbesondere in Ho-Chi-Minh-Stadt.
Diese Sektoren sollen eine zentrale Rolle bei Vietnams Ziel spielen, sich in den kommenden zehn Jahren zu einem regionalen Innovations- und Technologiezentrum zu entwickeln.
- Ein neues Anreizmodell: Von Steuervergünstigungen zu leistungsbasierter Partnerschaft
Eine der wichtigsten Botschaften von Resolution 10 ist die Absicht der Regierung, das Investitionsanreizsystem zu modernisieren. Traditionelle Anreize wie Steuerbefreiungen, günstige Landmieten und Investitionsvolumen treten zunehmend zurück. Stattdessen sollen Anreize stärker an messbare wirtschaftliche Beiträge gekoppelt werden.
Zukünftige Unterstützung hängt voraussichtlich davon ab, ob Investoren konkrete Leistungen nachweisen können, darunter:
- tatsächliche F&E-Ausgaben,
- erfolgreicher Technologietransfer,
- Entwicklung vietnamesischer Zulieferer,
- Lokalisierung von Lieferketten,
- Schaffung hochqualifizierter Arbeitsplätze,
- Umsetzung nachhaltiger und umweltbewusster Geschäftspraktiken.
Dies spiegelt den Übergang von einer „Anreiz-basierten Anziehung“ hin zu einer „leistungsbasierten Partnerschaft“ wider.
- Stärkere Integration in die Binnenwirtschaft
Resolution 10 greift auch ein langjähriges Anliegen der Regierung auf: die begrenzte Integration mancher auslandsfinanzierter Unternehmen mit der heimischen Wirtschaft. Künftig sollen Investoren stärkere „Spillover-Effekte“ erzeugen, etwa durch:
- Aufbau lokaler Zuliefernetzwerke,
- Unterstützung vietnamesischer Unternehmen bei internationalen Qualitätsstandards,
- Weitergabe von Technologie und Management-Know-how,
- Förderung der Arbeitskräfteentwicklung,
- Stärkung der vietnamesischen Teilnahme an globalen Wertschöpfungsketten.
Das Ziel ist nicht nur mehr Auslandsinvestitionen, sondern deren maximaler positiver Einfluss auf die Gesamtwirtschaft.
- Handlungsempfehlungen für Investoren
Auch wenn die Umsetzungsgesetze erst folgen werden, liefert Resolution 10 bereits wertvolle Einblicke in die politischen Prioritäten. Investoren sollten jetzt beginnen:
- F&E- und Innovationskomponenten in Projekte einzubauen,
- klare Lokalisierungs- und Zulieferstrategien zu entwickeln,
- ESG- und Nachhaltigkeitsverpflichtungen zu stärken,
- Technologietransfer- und Ausbildungspläne vorzulegen,
- Projekte an Vietnams strategischen Zukunftssektoren auszurichten,
- bevorstehende Änderungen im Investitionsgesetz, Steuerrecht und Industriezonenregeln genau zu beobachten.
Wer seine Strategien frühzeitig an diese Prioritäten anpasst, wird besser positioniert sein, regulatorische Unterstützung zu erhalten und von den neuen Anreizen zu profitieren.
Ausblick
Resolution Nr. 10 markiert einen der bedeutendsten strategischen Wendepunkte in Vietnams Investitionspolitik seit Jahrzehnten. Während sich der detaillierte Rechtsrahmen in den kommenden Monaten und Jahren entwickeln wird, ist die Richtung klar: Vietnam sucht nicht einfach mehr Investitionen, sondern solche, die Innovation, Technologie, Nachhaltigkeit, höhere Produktivität und langfristigen wirtschaftlichen Wert bringen.
Für internationale Investoren lautet die Botschaft: Erfolg in Vietnam hängt künftig nicht nur von der Höhe des Kapitals ab, sondern von der Qualität der Investition und ihrem Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Unternehmen, die diesen Wandel früh verstehen und sich entsprechend positionieren, werden am besten von Vietnams nächstem Wachstumskapitel profitieren.
Für weitere Informationen zu den Auswirkungen von Resolution Nr. 10 oder zum sich entwickelnden Investitionsrahmen Vietnams wenden Sie sich bitte an Dr. Oliver Massmann unter [email protected]. Dr. Oliver Massmann ist Generaldirektor von Duane Morris Vietnam LLC.
