Am 23. Juli 2026 erließ die Regierung Vietnams das Dekret Nr. 296/2026/ND-CP („Dekret 296“), das das Dekret Nr. 168/2025/ND-CP über die Unternehmensregistrierung ändert. Mit sofortiger Wirkung und ohne Übergangsfrist gestaltet Dekret 296 das vietnamesische Unternehmensregistrierungsregime grundlegend neu, indem es ein ausgefeiltes Rahmenwerk zur Ermittlung wirtschaftlicher Eigentümer („Beneficial Ownership“) auf Grundlage des letztendlichen natürlichen Eigentümers und Kontrollinhabers einführt und gleichzeitig strengere Grenzen für eine längere Geschäftsaussetzung setzt.
Die bedeutendste Neuerung ist die Einführung eines umfassenden dreistufigen Kaskadentests zur Ermittlung wirtschaftlicher Eigentümer, kombiniert mit einem zwingenden Look-Through-Prinzip, das Unternehmen verpflichtet, die Eigentumsverhältnisse durch sämtliche Ebenen ihrer Unternehmensstruktur bis hin zur letztendlichen natürlichen Person mit Eigentum oder tatsächlicher Kontrolle nachzuvollziehen. Diese Reform bringt Vietnam näher an internationale Standards zur Geldwäschebekämpfung („AML“), Unternehmenstransparenz und wirtschaftlichem Eigentum und hat erhebliche Auswirkungen auf multinationale Unternehmensgruppen, Private-Equity-Strukturen, Familienunternehmen, Treuhandverhältnisse, Nominee-Konstruktionen und andere komplexe Investitionsstrukturen.
- Wirtschaftliches Eigentum – Ein grundlegender Schritt zu ultimativer Transparenz
- Vom formalen Anteilseigner zum ultimativen wirtschaftlichen Eigentümer Dekret 296 ersetzt den bisherigen zweistufigen Ansatz durch einen zwingenden dreistufigen Kaskadentest, der nacheinander anzuwenden ist. Ein wirtschaftlicher Eigentümer ist nunmehr eine oder mehrere natürliche Personen, die direkt oder indirekt Eigentum besitzen oder letztlich tatsächliche Kontrolle über ein Unternehmen mit eigener Rechtspersönlichkeit ausüben, ausgenommen Vertreter staatlichen Kapitals.
Dies bedeutet einen wichtigen konzeptionellen Wandel: Das neue Regime konzentriert sich nicht mehr nur auf die Identifizierung bedeutender Anteilseigner, sondern verlangt die Feststellung, wer letztlich hinter der Eigentumskette steht oder die tatsächliche Entscheidungsgewalt ausübt. Damit wird das internationale Konzept des „Ultimate Beneficial Ownership“ („UBO“) nach FATF-Standards übernommen.
Dieses „Durchschauen des Unternehmensschleiers“ erhöht die Transparenz erheblich und macht mehrschichtige Eigentumsstrukturen für die Behörden wesentlich sichtbarer.
- Stufe 1 – Eigentumstest (25%) Identifizierung jeder Person, die direkt, indirekt oder kombiniert mindestens 25 % des Gesellschaftskapitals oder der Stimmrechte hält. Wesentliche Neuerungen: (a) Familienaggregation – Familienmitglieder oder vertraglich verbundene Personen, die gemeinsam mindestens 25 % halten, gelten sämtlich als wirtschaftliche Eigentümer. (b) Komplementäre – Jeder persönlich haftende Gesellschafter gilt automatisch als wirtschaftlicher Eigentümer. (c) Erweiterter Begriff des indirekten Eigentums – umfasst nun auch Treuhand- und Nominee-Strukturen.
- Stufe 2 – Kontrolltest Falls keine Person die Eigentumsschwelle erfüllt oder nachweislich nicht der tatsächliche wirtschaftliche Eigentümer ist, wird geprüft, ob eine Person Kontrolle ausübt (z. B. Bestellung/Abberufung von Organmitgliedern, Änderung der Satzung, Festlegung von Finanz- oder Investitionspolitik).
- Stufe 3 – Rückgriff auf Geschäftsleitung Falls weder Eigentum noch Kontrolle eine Person identifizieren, ist die ranghöchste geschäftsführende Person zu benennen.
- Zwingende Look-Through-Analyse Unternehmen müssen jede Ebene der Eigentumsstruktur durchleuchten, bis die letztendliche natürliche Person festgestellt ist. Dies erhöht die Sorgfaltspflichten insbesondere für multinationale Gruppen, Private Equity, Familienbüros, Treuhand- und Nominee-Strukturen.
- Zwingende sequenzielle Erklärung Die Erklärung der wirtschaftlichen Eigentümer hat zwingend in der Reihenfolge Stufe 1 → Stufe 2 → Stufe 3 zu erfolgen. II.Vorübergehende Geschäftsaussetzung – Deutlich verschärfte Compliance 1. Neue maximale Aussetzungsdauer Die Gesamtdauer aufeinanderfolgender Geschäftsaussetzungen darf nun 24 Monate nicht überschreiten (zuvor unbegrenzt). 2.Zwingende Bestätigung der Wiederaufnahme Innerhalb von fünf Arbeitstagen nach Ablauf der Aussetzung muss der gesetzliche Vertreter die Wiederaufnahme bestätigen und die Erfüllung aller Registrierungspflichten über das nationale Informationssystem erklären. Bei Verstößen droht die Entziehung der Unternehmensregistrierungsurkunde. 3. Übergangsregeln Die 24-Monats-Grenze gilt rückwirkend. Unternehmen, die bereits länger ausgesetzt sind, können keine weitere Verlängerung beantragen.
III. Praktische Auswirkungen für Investoren und Unternehmen
Die Reformen stellen eine der bedeutendsten Initiativen Vietnams zur Unternehmenstransparenz in den letzten Jahren dar. Die Einführung der zwingenden Look‑Through‑Analyse erhöht die Compliance‑Anforderungen erheblich, insbesondere für Unternehmen mit komplexen Eigentumsstrukturen.
Ausländisch investierte Unternehmen, multinationale Gruppen, Investmentfonds, Familienunternehmen und Gesellschaften mit zwischengeschalteten Holdinggesellschaften müssen künftig mit deutlich umfangreicheren Prüfungen der wirtschaftlichen Eigentümer rechnen.
Die neuen Familienaggregationsregeln können dazu führen, dass mehrere wirtschaftliche Eigentümer meldepflichtig werden, selbst wenn kein einzelner Anteilseigner unabhängig 25 % hält.
Ebenso bedeutsam ist die ausdrückliche Anerkennung, dass wirtschaftliches Eigentum nicht allein durch rechtliches Eigentum bestimmt wird, sondern auch durch tatsächliche Kontrolle. Damit nähert sich Vietnam den international anerkannten AML‑ und Transparenzprinzipien weiter an.
- Empfohlene Maßnahmen
Unternehmen – insbesondere solche mit ausländischer Beteiligung, mehrschichtigen Eigentumsstrukturen oder familiengeführten Geschäftsmodellen – sollten umgehend:
- Bestehende Erklärungen überprüfen – Abgleich mit dem neuen dreistufigen Kaskadentest und ggf. Aktualisierung der Registrierungsunterlagen.
- Familien- und Vertragsbeziehungen analysieren – Feststellen, ob Aggregation zu mehreren meldepflichtigen Eigentümern führt.
- Umfassende Look-Through-Prüfung durchführen – Alle Ebenen der Eigentumsstruktur einschließlich Holdings, Treuhand‑ und Nominee‑Konstruktionen prüfen.
- Governance-Regelungen überprüfen – Feststellen, ob Einzelpersonen über Kontrollrechte als wirtschaftliche Eigentümer gelten.
- Aussetzungsfristen überwachen – Sicherstellen, dass die Gesamtdauer 24 Monate nicht überschreitet, und interne Verfahren für die rechtzeitige Bestätigung der Wiederaufnahme etablieren.
Schlussfolgerung
Dekret 296 markiert eine entscheidende Weiterentwicklung des vietnamesischen Transparenzrahmens. Die Einführung eines zwingenden dreistufigen Regimes zur Ermittlung wirtschaftlicher Eigentümer, kombiniert mit Look‑Through‑Pflichten und der Anerkennung tatsächlicher Kontrolle, signalisiert einen klaren Politikwechsel: weg von der Identifizierung nomineller Anteilseigner hin zur Feststellung der natürlichen Personen, die Unternehmen tatsächlich besitzen oder kontrollieren.
Damit rückt Vietnam deutlich näher an internationale Best Practices zu Transparenz, Geldwäscheprävention und Corporate Governance. Für viele Unternehmen – insbesondere ausländisch investierte Gesellschaften und solche mit komplexen Holdingstrukturen – wird Compliance kein bloßer Formalakt mehr sein, sondern eine substanzielle rechtliche Analyse von Eigentumsketten, Governance‑Regelungen, Familienbeziehungen und Kontrollrechten erfordern.
Unternehmen, die ihre Strukturen proaktiv überprüfen und ihre Erklärungen aktualisieren, sind am besten positioniert, die neuen regulatorischen Erwartungen zu erfüllen und künftige Risiken zu minimieren.
Für Rückfragen oder weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Dr. Oliver Massmann (Architect of Market Access) unter [email protected]. Dr. Oliver Massmann ist Generaldirektor von Duane Morris Vietnam LLC.
