Einleitung
Vietnam hat sich fest als eines der weltweit attraktivsten Produktionsziele etabliert. Politische Stabilität, eine hochqualifizierte und wettbewerbsfähige Arbeitnehmerschaft, eine wachsende industrielle Basis sowie ein beeindruckendes Netzwerk von Freihandelsabkommen haben das Land zu einem strategischen Produktionsstandort für multinationale Unternehmen gemacht. Die Errichtung von Produktionsstätten in Vietnam umfasst jedoch weit mehr als die Auswahl einer Fabrik, die Unterzeichnung eines Fertigungsvertrags und den Versand von Produkten ins Ausland. Nach über fünfundzwanzig Jahren Beratung internationaler Investoren und Hersteller in Vietnam habe ich festgestellt, dass die teuersten Fehler selten technischer Natur sind. Viel häufiger handelt es sich um rechtliche, regulatorische, zollrechtliche und strukturelle Probleme, die in der Planungsphase übersehen wurden. Die meisten dieser Fehler sind vollständig vermeidbar. Dieser Artikel hebt zwanzig der häufigsten Probleme hervor, mit denen internationale Hersteller konfrontiert werden, und bietet praktische Hinweise, wie man sie vermeiden kann.
Fehler Nr. 1 – Vietnam nur als Niedrigkostenstandort betrachten
Vietnam ist nicht lediglich eine kostengünstigere Alternative zu anderen Produktionsländern. Es verfügt über ein eigenes Rechtssystem, Zollrahmen, Aufsichtsbehörden und Geschäftspraktiken. Erfolgsstrategien aus anderen Ländern lassen sich nicht automatisch übertragen.
Best Practice: Entwicklung einer Vietnam-spezifischen Strategie statt Kopie eines bestehenden Modells.
Fehler Nr. 2 – Produktionsstruktur vor rechtlicher Beratung festlegen
Viele Unternehmen schließen kommerzielle Vereinbarungen ab, bevor sie juristische Beratung einholen. Nach Vertragsunterzeichnung und Produktionsbeginn ist eine Änderung der Struktur oft schwierig und teuer.
Best Practice: Rechtliche Planung bereits in der Frühphase des Projekts integrieren.
Fehler Nr. 3 – Ausschließlich auf die HS-Klassifizierung des Lieferanten vertrauen
Falsche Zolltarifnummern beeinflussen Abgaben, Importverfahren, Lizenzanforderungen, Mehrwertsteuer, Statistikmeldungen und Ursprungsregeln.
Best Practice: Unabhängige Überprüfung der HS-Klassifizierung vor der Einfuhr.
Fehler Nr. 4 – Annehmen, dass Montage automatisch vietnamesischen Ursprung schafft
Die bloße Montage importierter Komponenten in Vietnam begründet nicht automatisch vietnamesischen Ursprung.
Best Practice: Umfassende Ursprungsanalyse vor Produktionsbeginn durchführen.
Fehler Nr. 5 – Das EVFTA unterschätzen
Das EU–Vietnam-Freihandelsabkommen bietet erhebliche Vorteile, die jedoch nur bei vollständiger Einhaltung der rechtlichen Anforderungen gelten.
Best Practice: Produktionsprozesse von Beginn an auf EVFTA-Konformität ausrichten.
Fehler Nr. 6 – Falsches Zollverfahren wählen
Ungeeignete Verfahren können Kosten erhöhen und Exportprozesse erschweren.
Best Practice: Alle verfügbaren Zollverfahren prüfen und das passende auswählen.
Fehler Nr. 7 – Zollplanung von Unternehmensplanung trennen
Die Unternehmensstruktur beeinflusst die Zollkonformität direkt.
Best Practice: Zoll- und Unternehmensstrukturen gleichzeitig entwickeln.
Fehler Nr. 8 – Die gesamte Lieferkette nicht verstehen
Rechtliche Beratung darf nicht nur eine einzelne Lieferung betrachten.
Best Practice: Vollständige Prozesskarte vor Umsetzung erstellen.
Fehler Nr. 9 – Produktspezifische Vorschriften übersehen
Einige Produkte benötigen zusätzliche Genehmigungen (z. B. Funkgeräte, Medizintechnik, Batterien, Verschlüsselungstechnologien).
Best Practice: Regulatorische Prüfung parallel zur Zollplanung durchführen.
Fehler Nr. 10 – Unzureichende Dokumentation
Dokumente sind entscheidend für die Anerkennung von Ursprungsnachweisen und Zollanmeldungen. Best Practice: Dokumentationssysteme vor Produktionsbeginn entwickeln.
Fehler Nr. 11 – Annehmen, dass Zollkonformität nach der Einfuhr endet
Konformität gilt während Produktion, Export und Prüfungen.
Best Practice: Compliance als laufende Managementaufgabe behandeln.
Fehler Nr. 12 – Risiken der Lohnfertigung ignorieren
Verträge können Verantwortlichkeiten anders regeln als erwartet.
Best Practice: Fertigungsverträge müssen die operative Realität widerspiegeln.
Fehler Nr. 13 – Eigentumsfragen während der Produktion nicht klären
Eigentum beeinflusst Zollanmeldungen, Steuern, Buchhaltung und Haftung.
Best Practice: Eigentum in jeder Produktionsphase klar definieren.
Fehler Nr. 14 – Vorbereitung auf Zollprüfungen übersehen
Viele Unternehmen reagieren erst nach Ankündigung einer Prüfung.
Best Practice: Jede Lieferung so behandeln, als könnte sie geprüft werden.
Fehler Nr. 15 – Langfristige Skalierbarkeit ignorieren
Eine Struktur für Pilotlieferungen kann für Serienproduktion ineffizient sein.
Best Practice: Systeme für zukünftiges Wachstum auslegen.
Fehler Nr. 16 – Nur auf Vietnam fokussieren
Internationale Projekte betreffen mehrere Rechtssysteme.
Best Practice: Gesamten grenzüberschreitenden Rechtsrahmen berücksichtigen.
Fehler Nr. 17 – Interne Compliance unterschätzen
Rechtliche Konformität hängt auch von Mitarbeitern ab.
Best Practice: Interne Verfahren und Schulungen etablieren.
Fehler Nr. 18 – Warten, bis Probleme auftreten
Nachträgliche Korrekturen sind teurer als Prävention.
Best Practice: Risiken vor Umsetzung identifizieren.
Fehler Nr. 19 – Zoll als reine Verwaltung betrachten
Zollentscheidungen beeinflussen direkt die Rentabilität.
Best Practice: Zoll- und Handelsspezialisten in die Strategie einbeziehen.
Fehler Nr. 20 – Rechtsberatung als Kosten statt Investition sehen
Gut geplante Strukturen verhindern Streitigkeiten und senken Risiken.
Best Practice: Juristische Planung als Teil der Gesamtinvestition betrachten.
Schlussgedanken
Vietnam bietet außergewöhnliche Chancen für internationale Hersteller. Erfolgreiche Projekte zeichnen sich durch sorgfältige rechtliche und organisatorische Planung aus. Die erfolgreichsten Hersteller erkennen: Rechtssicherheit und operative Exzellenz sind keine Gegensätze, sondern komplementäre Säulen einer widerstandsfähigen, effizienten und international wettbewerbsfähigen Lieferkette.
Über den Autor
Dr. Oliver Massmann ist Partner und Generaldirektor von Duane Morris Vietnam LLC. Seit über 25 Jahren berät er multinationale Unternehmen, Hersteller, Investoren und Finanzinstitutionen zu Direktinvestitionen, internationalem Handel, Zoll, Freihandelsabkommen, WTO-Fragen, Produktion, Energie, Infrastruktur und komplexen grenzüberschreitenden Transaktionen in Vietnam. Seine Praxis verbindet rechtliche Analyse mit praktischer Umsetzung, um langfristig erfolgreiche Geschäftsmodelle zu entwickeln.

