- Wie werden sich die Verantwortlichkeiten der Plattformen in Bezug auf die Moderation von Online-Inhalten in Vietnam ändern, sobald das neue Cybersicherheitsgesetz im Juli in Kraft tritt?
[OM: Die bedeutendste Änderung im Juli ist der strukturelle Wandel von passivem Content-Hosting hin zu verpflichtender, aktiver Verantwortlichkeit für Technologieplattformen. Das neue Gesetz auferlegt den Dienstanbietern strenge, unmittelbar umsetzbare Compliance-Pflichten, insbesondere durch verpflichtende Identitätsprüfung und strikte Löschfristen von 24 bis 48 Stunden für verbotene Inhalte.
Praktisch bedeutet dies, dass Plattformen anonyme, unmoderierte Störungen nicht länger dulden dürfen. Sie sind nun gesetzlich verpflichtet, eine kontrollierte und verifizierte Umgebung aufrechtzuerhalten. Aus Marktperspektive ist dies eine sehr positive Entwicklung. Indem Vietnam die Plattformen zwingt, das Online-Verhalten zu formalisieren, schafft das Land die sichere, vorhersehbare digitale Infrastruktur, die internationales institutionelles Kapital benötigt – ein entscheidender Schritt im Vorfeld der bevorstehenden FTSE-Russell-Neuklassifizierung zum „Secondary Emerging Market“.]
- Das Cybersicherheitsgesetz erweitert den Katalog verbotener Inhalte auf Aspekte wie das Schüren von Konflikten und Spaltung innerhalb der Bevölkerung; die Behinderung der Politik der internationalen Solidarität; sowie Aufrufe zum Boykott von Waren und Dienstleistungen, die Unternehmen schädigen.
Wie weitreichend ist die Liste der verbotenen Inhalte? Gibt es Rechtsordnungen mit vergleichbarem Umfang?
[OM: Der Umfang der verbotenen Inhalte ist zweifellos breit gefasst und nutzt offene Formulierungen wie „Verursachung von Instabilität“ oder „Behinderung der internationalen Solidarität“. Dies ist jedoch kein Ausreißer; vielmehr entspricht es einem breiteren südostasiatischen Regulierungsansatz. Singapur etwa nutzt POFMA und FICA, Indonesien Ministerial Regulation 5 (MR5) – allesamt Regelwerke, die den Behörden weitreichende Befugnisse geben, Inhalte, die soziale Harmonie oder wirtschaftliche Stabilität bedrohen, schnell zu entfernen.
Die Logik hinter dieser breiten Ausgestaltung ist die Zukunftssicherung. Sie verschafft den Behörden die Flexibilität, schnell auf komplexe digitale Bedrohungen wie Deepfakes und koordinierte Desinformationsnetzwerke zu reagieren. Darüber hinaus dienen Bestimmungen zum Schutz der „internationalen Solidarität“ als notwendiger rechtlicher Schutzschild für unsere wichtigen grenzüberschreitenden Rahmenwerke und stellen sicher, dass orchestrierte digitale Eingriffe die Umsetzung hochrangiger Verträge nicht untergraben können.]
Alltägliche Social-Media-Nutzer diskutieren über kontroverse und spaltende Themen – von persönlichen Konflikten über Kritik an Marken wegen unethischer Praktiken bis hin zu geopolitischen Fragen. Wie sollen alltägliche Nutzer diese zusätzlichen Verbote interpretieren? Bedeutet das, dass sie sich nicht mehr online streiten, ein Land kritisieren oder gar erklären dürfen, dass sie ein bestimmtes Unternehmen boykottieren?
[OM: Der entscheidende Unterschied, den Nutzer und Plattformen unter diesem neuen Rahmen verstehen müssen, ist der zwischen echter bürgerlicher Diskussion und koordinierter wirtschaftlicher Sabotage. Das Gesetz ist nicht darauf ausgelegt, Verbraucherrechte auszulöschen oder alltägliche Meinungsverschiedenheiten zu überwachen. Eine Einzelperson, die eine negative Bewertung abgibt oder erklärt, dass sie persönlich eine Marke wegen schlechten Service boykottiert, ist völlig zulässig und geschützt.
Die erweiterten Verbote zielen ausdrücklich auf organisierte, böswillige Schmutzkampagnen ab – digitale Mobs, die mit erfundenen Informationen versuchen, ein Unternehmen finanziell zu ruinieren oder den Markt zu manipulieren. Die rechtliche Schwelle wird überschritten, wenn Inhalte in großem Maßstab mit der Absicht eingesetzt werden, Unternehmensschäden oder öffentliche Instabilität zu verursachen. Letztlich können alltägliche Nutzer, die in gutem Glauben handeln, weiterhin online aktiv sein; das Gesetz zieht lediglich eine klare Grenze zwischen legitimer Meinungsäußerung und strafbarer, destruktiver Verleumdung.]
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Für weitere Informationen zu den oben genannten Punkten wenden Sie sich bitte an den Autor Dr. Oliver Massmann unter [email protected]. Dr. Oliver Massmann ist Generaldirektor von Duane Morris Vietnam LLC.
